Tanja Pohl
Tanja Pohl

Zum Werk

Gregor Kunz, Katalogtext

Mensch   Maschine

zur Ausstellung in der
Neuen Sächsischen Galerie Chemnitz
2014

 

 

Tanja Pohls Arbeiten kommen aus Landschaften und sind immer auch Landschaft, selbst dann, wenn sie ausdrücklich anderes artikulieren, Köpfe und Körper, Maschinen und Gerät etwa. Doch gehen sie nicht von den herkömmlichen Landschaften aus – von naturbelassenen oder naturnahen Zeitformen - sondern vom gänzlich Menschengemachten, den Strukturen der Arbeit. Am Anfang waren das die realen Industriebrachen, jetzt ist es mehr, das fortgesetzte Agieren der Arbeit/des Menschen in Gebautem, kollektiv und von Generationen erbracht, in Gebrauch oder aufgegeben, vor längerem, jetzt oder demnächst: Vergangenheit also, Gegenwart und Zukunft in einem.

 

Bahnhöfe etwa waren bis in die späten 90er Jahre auch außerhalb der großen Städte belebte Orte der Arbeit wie der Begegnung. Sie hatten ihren Zweck und Funktionen, die darüber hinausgingen. Sie waren Eingang und Ausgang der Orte und selbst kleine Gemeinwesen mit durchaus eigener Kultur. Mittlerweile sind die meisten Bahnhöfe auf ihren Zweck reduziert worden – Ein- und Aussteigen – und damit verschwunden. Geblieben sind menschenleere Unorte, die schlecht oder gar nicht nicht funktionieren.

            Tanja Pohls „Letzter Bahnhof“ hat vermutlich in diesem Geschehen einen Anlass, ist aber etwas anderes. Im Rot des Himmels gehen frühe Morgen um und Arbeit, Arbeitswege, Blut und Feuer. Zwischen Schwarz und Weiß, in der Vielfalt des Grau lassen sich Spuren lesen und Dinge sehen, Gleise oder auch nicht, Bahnsteig und Bahnhofsgebäude, ein Waggon, ein bewimpelter Stab. Die Gleise, wenn es denn Gleise sind, enden an einer Wand; setzen sich splittrig weiß auf ihr fort und bersten in den Himmel. Der Bahnsteig, wenn es denn einen Bahnsteig gibt, treibt für sich oder schwingt, ist Schiff oder Scholle. Der Wimpel markiert seinen Ort und gefallenes Rot, verbindet die Elemente, weißt auf den Waggon, sagt: Es war jemand hier. Den merkwürdig konkreten Umriss des Wagens füllt Schwarz. Ohne Binnenstruktur, ohne Kratzer, ohne Makel ist dieses Schwarz ein Loch, ist das Loch ein Eingang. Wäre also der letzte Bahnhof der erste der Anderwelt? Sie werden es herausfinden.

 

Landschaften sind beständig, sie sollten dauern, so wollen es das menschliche Bewusstsein und das darunter. Aus dieser Vorstellung ziehen Landschaften ihre scheinbare Sicherheit, ihren Sinn an sich, Schönheit als auch Antischönheit.

            Sicherheit und Dauer, Sinn und Schönes sind menschliche Grundbedürfnisse, die bedient werden müssen. Aber wie in gesellschaftliche Verhältnissen auch – als Recht oder gar Gerechtigkeit – sind sie nur temporär oder auch gar nicht zu haben. Landschaften der Kunst transportieren diese Problematik, seit Caspar David Friedrich und die Moderne hindurch, ob sie aus real existenten Umfeldern bezogen und montiert, abstrahierend abgeleitet oder ob sie zusammengeführt, entwickelt, erfunden werden.

            Ihr Sinn und ihre Sinngebung aber wurzeln gleichermaßen in der Kunstpraxis wie in den Verhältnissen der Gesellschaft. Landschaften sind immer auch Symptome, für Defizite unter anderem, Verluste, Kränkung, Wünsche. Sie sehen zu können, hat mit Wollen zu tun, doch kommen die Möglichkeiten der Wahr-Nehmung nicht aus dem Individuum allein.

            Wann enden Landschaft und Industrien? Lange bevor sie etwas anderes werden, das dann wieder Landschaft und Industrien heißen kann, soviel lässt sich sagen. Dieser Prozess des Ablösens und der Transformierung ist den Arbeiten Pohls eingeschrieben oder, besser: am Werk. Sie macht ein Bild, sich und denen, die sehen wollen. Sie fügt der Welt damit etwas Wesentliches hinzu, sagen wir: eine Möglichkeit des Erkennens und eine Möglichkeit der Schönheit.

 

Pohls Landschaften beruhen gerade nicht auf dem Dauerhaften, Sicheren. Sie sind aus Übergangsprozessen bezogen und selbst Prozess, Ergebnis einer Geschichte, die endet und der Anfang von etwas anderem ist. In diesem gedehnten Moment des Dazwischen – Bau, Nutzung und Zerfall - fasst die Künstlerin die Körper und Strukturen der Arbeit und transformiert sie ihrerseits in einem längeren Prozess ins Andere des Bildes. Dieses Andere der gebauten, aufgetürmten Arbeitsstrukturen macht Erfahrung sichtbar, gewonnen im Sehen und in der Arbeit, hebt Arbeit auf in Arbeit.

            Ihre Menschenbilder sind dem nah; Köpfe, gebaut wie Häuser, und den Bauten offensichtlich nicht entwachsen, sondern deren fortgesetzter Teil. Häuser zerfallen, wenn sie einmal leer sind, und auch in diesen Köpfen, darf ich annehmen, wohnen Wissen und Glaube, Liebe und Hoffen, Ängste und Wünsche, komfortabel eingesessen oder am Umziehen, zur Untermiete in den Gängen, im Keller, unter dem alten Adam oder neben Herrn Effizienz und Frau Flexibilität... Wenn sie einmal leer sind, werden auch diese Köpfe Ruinen sein, wie es viele gibt im Lande.

 

Künstler ergreifen, was sie ergriffen hat. Was immer sie nehmen und zusammenführen, reagiert und wandelt sich: Ins anders oder überhaupt erst Sichtbare. Kunstarbeit ist eine Art des Erkennens und der Deutung, angefangen mit dem Zugriff und dann weiter über Techniken, Verfahren, Umgang, Betrachtung, Diskussion und Wirkung. Wenn die Künstler taugen, ist unbedingt ein Mehrwert, mehr als die Summe der Teile zu erwarten: Etwas, das anders nicht zu erfahren gewesen wäre. Hier also Landschaften des Gehens und Kommens, das Unbekannte im Bekannten.

            Mir scheint, es gibt in diesen Bildern immer auch etwas Überpersönliches, ein Müssen neben dem Wollen, das im Bild und mit dem Bild zu wachsen scheint, ein selbsttätiges Leben der Elemente, von Strich und Farbe in Aktion und Reaktion. In den Titeln steckt   ein Benennen, eine Zuweisung, eine Rückbindung, aber ebenso eine erste Interpretation des Gewordenen.

            Jeder weiß, was eine Maschine ist, oder? Ein „Schwarze Maschine“ aber ist was?

Dieses Ding aus Kanten, Flächen und Gestänge erscheint als ein unfertiger, provisorischer Bau, auf dessen Immobilität nicht vertraut werden kann. Offensichtlich ist sie kein Selbstzweck und offensichtlich hat sie ein eigenes Dasein. Schwarz gibt es hier mehrfach, dicht gesammelt in der Maschine und dicht genug geworfen oder eingesogen. Himmel und Erde sind grau, einander ähnlich, die Maschine verbindet sie, schickt eins ins andere oder nimmt von beidem. Die Maschine erntet, verteilt, bewegt: Wetter, Landschaft und Zeit, Energie und wütende Melancholie. Wozu? Wahrscheinlich haben das ihre Schöpfer längst vergessen.

            In was für einem Land, in was für einer Gesellschaft wir leben, wie diese Welt hier beschaffen ist und was von ihr bleibt, die Frage liegt nahe vor diesen Bildern. Sie sprechen vom Leben in der Verwandlung, in verlorener/anderer Identität, vom in der Welt sein und vom selbstverständlichen Sterben nicht nur der Dinge.

 

Menschen schaffen Maschinen, Maschinen schaffen Bindungen, Abhängigkeiten, und letztlich wieder Menschen. Komplexe Gesellschaften zerlegen per Arbeitsteilung und Maschine Menschen in Funktionen, aber Kunst braucht Menschen im Ganzen, den Künstler und nicht weniger den Betrachter. Diese gemeinsame Arbeit, auch das Abarbeiten an einem wie immer abhandenem sozialen Ganzen, das begründet, glaube ich, die Notwendigkeit von Kunst, macht auch das zeitweilig Befriedigende der Kunst wesentlich mit aus und setzt/richtet ihren Stachel. Es ist eine Aufgabe der Kunst, herauszufinden, wie der Mensch beschaffen ist: Was an ihm Mensch ist/sein kann, schon oder noch das Soziale, was es heißt Mensch zu sein in dieser durchmechanisierten, durchökonomisierten Welt, in dieser hier also.

 

Tanja Pohls Umgang mit dem Dunklen ist erhellend, ihr Umgang mit den vorgefundenen Realitäten von schönem Ernst.

 

 

Gregor Kunz